Shanglon Dorje Dudul, Medizinschützer aus dem Yuthok Nyingthig Praxiszyklus

 

Tibetische Medizin


Traditionelle Tibetische Medizin (TTM) ist eines der ältesten Medizinsysteme der Welt.

Sie enthält ein reichhaltiges Wissen unterschiedlichster Techniken der Diagnose und Therapie.

Das Wissen wurde über Generationen hinweg bewahrt und in ihrer ursprünglichen Form weiter gegeben. Das im 12. Jahrhundert erstellte Medizinlehrbuch „Die vier Tantras der Medizin“ ist auch heute noch die Grundlage für die Ausbildung tibetischer Ärzte.


Eine Besonderheit der tibetischen Medizin ist die enge Verflechtung mit der buddhistischen Philosophie. Die Erklärungen der Elemente und Energien, die in der tibetischen Medizin Anwendung findet wird durch buddhistische Philosophien gestützt. Die TTM und der Buddhismus sind wie zwei Freunde, die sich gegenseitig unterstützen. Dadurch können wir zu einem tieferen Verständnis gelangen.


In der TTM wird daher versucht sowohl den Körper zu behandeln, als auch ein umfassenderes Verständnis vom Leben zu vermitteln.


Die TTM handelt vom Leben selbst, mit allen Facetten und dient dazu dauerhaft Gesundheit, Glück und „Wohlstand“ zu erlangen. In diesem System verbirgt sich eine Lebensphilosophie, die uns diese Ziele ermöglicht.

Daher ist auch der Wunsch des Vaters der tibetischen Medizin, Yuthok Yonten Gonpo der Jüngere,  zu verstehen:


Mein Wunsch ist es, dass die Tibetische Medizin sich ausbreitet wie die unendliche Weite des Himmels zum Wohle aller Wesen.“


Fachliche/ philosophische Grundlagen


Der Mensch besteht aus drei zu berücksichtigenden Komponenten: Körper, Energie und Geist.

Die tibetische Medizin fokussiert hauptsächlich die Energie des Menschen. Man ist der Ansicht, dass man über die Beeinflussung der Energie relativ schnell sowohl auf Körper, als auch auf den Geist einwirken kann. Die Energie bildet das Bindeglied zwischen Körper und Geist und ist daher wie eine Brücke. Wird die Brücke eingerissen so werden die Bewohner der einen Seite versuchen mit Booten hinüber zu gelangen. Das dauert länger als über eine Brücke zu fahren. Hier ist der Fall beschrieben, dass man versucht über den Körper den Geist zu beeinflussen, oder umgekehrt- es dauert einfach länger. Wenn man nun aber Unterstützung über die Brücke schickt, so wird dies schneller funktionieren. Dies ist der Ansatz in der tibetischen Medizin. Trotzdem arbeitet man zusätzlich auch an Körper und Geist direkt und versucht so die Effektivität zu optimieren.

Die drei Energien, die in der TTM Gegenstand sind, heißen Lung, Tripa und Badken. Die drei Energien sind auf der einen Seite mit bestimmten körperlichen Vorgängen und auf der anderen Seite mit den im Geist entstehenden Fehlern: Gier, Hass und Unwissenheit, assoziiert.

Anfangs sollte die Typologie des Patienten erarbeitet werden, die die energetische Grundlage bildet. Aufgrund dieser kann man Vorsorge betreiben, aber es spielt auch bei der Behandlung eine wichtige Rolle. Die Typologie, auch Konstitution genannt, bilden den individuellen Zugang zu jedem Patienten.


TTM Konkret

 

Grundlage I – Der Mensch/ Patient

a) Grundlagen und Physiologie des Körpers – Gleichgewicht/ Gesundheit

b) Ursachen und Pathologie des Körpers – Ungleichgewicht/ Krankheit


Grundlage II – Diagnose/ Arbeit des Arztes

Diagnosemittel

a) Betastung/ Palpation von Puls und Punkten

b) Beobachtung/ Inspektion von Urin, Sinnesorgane und Erscheinung

c) Befragung/ Anamnese


Grundlage III – Behandlung/ Arzt-Patient

Therapiemöglichkeiten

a) Ernährung

b) Lebensstil

c) Medikamente

d) Äußere Therapien


Die äußeren Therapien bieten eine große Vielfalt an Therapiemöglichkeiten:

  • Massage

  • Horme (Kräuterstempel, warmes Öl, Punktmassage)

  • Schwitztherapie

  • Wassertherapie (ähnlich der Kneipp-Therapie)

  • Kalte Kompressen

  • Schröpfen

  • Moxibustion (kurz: Moxa), punktuelle Hitzeanwendung

  • Heiße Kompressen, flächige/ lokale Hitzeanwendung

  • Akupunktur

  • Stocktherapie (Massage und Visualisierung mit Hilfe eines Stockes)


Zusätzlich findet man Entsprechungen zum

Geistiges Heilen

  • Chakramassage (ähnlich dem Reiki)

  • Mantraheilen (heilende Klänge/ Silben)

  • Heilung mit Hilfe von Visualisierungen

  • Individuelle Amulette


Weitere Unterstützende Maßnahmen

- Atemübungen

- Meditation

- Yogaübungen


Hl.Hildegard von Bingen (1098-1179 n. Chr),

gezeichnet von Arne Klaiber, Hamburg

 

Hildegard von Bingen Medizin (HvBM)


Der Mensch und die Welt


Überblick


Mensch ist eingebunden in die Welt und mit Gott untrennbar verbunden. Die gesamte Schöpfung ist auf den Menschen ausgerichtet, damit er in und durch sie Gott erkennt.

Krankheit entsteht, wenn der Mensch sich von Gott abwendet.

Die im Körper wirkenden Säfte haben Beziehung zu Körper als auch zu den Emotionen.

Meist wird der Mensch durch seine eigene Lebensweise krank.


Der Mensch wird von seiner Schöpfungsgeschichte her beleuchtet, als nicht von seiner Umgebung getrenntes Wesen, das heißt, er ist eingebunden in die Welt und beeinflusst sie durch sein Handeln und Denken. Hier wird das Prinzip des Mikro- und Makrokosmos zur Erklärung des Menschen als Teil der Schöpfung dargestellt. Die Schöpfungsgeschichte dient gleichsam der Darstellung der Ur-Krankheitsursache, der Verstoß aus dem Paradies, in dem alles perfekt war.

Die gegenseitige Abhängigkeit von Mensch und Welt werden durch die Erklärungen über die

Elemente, Sonne, Mond, Firmament und alle anderen Beschreibungen zum Ausdruck gebracht.

Auch finden wir eine Typisierung der Menschen in der Säftelehre, die Gegenüberstellung von Laster und Tugenden, was sich hauptsächlich auf das emotionale Spektrum des Menschen bezieht.

Es folgen Beschreibungen über Mann und Frau, Embryologie und die Krankheiten. In der bildhaften Beschreibung der einzelnen Aspekte finden wir immer den Bezug zur Natur einerseits, was die Beziehung zum Makrokosmos zeigt, andererseits die Beziehung zu Gott oder allgemein der spirituellen Dimension, welche uns an das Nicht-Getrenntsein von der Göttlichkeit und somit unserem Heil erinnert.

Der Mensch präsentiert sich in seiner Gesamtheit als Wesen, das, wenn es Gott erkennt, heil oder gesund sein kann, oder aber in der Umkehrung krank wird. So kann der Mensch zu keiner Zeit völlig losgelöst von der Erde gesund leben, aber auch nicht völlig losgelöst von seinem spirituellen Dasein.

Hildegard beschreibt dies als die Einheit von Körper und Seele, man könnte es aber die Einheit von Körper und Geist nennen. Verbunden wird Körper und Geist durch das, was uns die Heilkunde lehrt oder aber auch die Kirche. Zum einen liegt die tiefe Verbindung zwischen Körper und Seele oder Geist in unserer Erkenntnis, unserem Verstehen der Zusammenhänge, unserer Weisheit. Die Weisheit, die uns zuteil werden kann zeigt sich in den medizinischen Lehren oder auch in den spirituellen Lehren. Die medizinischen Lehren betonen Intellektualität und Rationalität, was den Menschen hilft, wenn sie versuchen es zu verstehen und daraus etwas für ihr Leben zu lernen. Es handelt sich um eine konkrete Analyse der Situation mit konkreten Lösungsvorschlägen, die wir in der medizinischen Lehre finden.

Das kirchliche Wissen, was vermittelt wird stellt den anderen Zugang zum Heil dar, da dessen Basis nicht so sehr das Wissen ist, zumindest nicht in der christlichen Tradition, sondern mehr das Vertrauen. Das Vertrauen zu Gott stellt eine Lebenskraft in uns her, die sich auf Körper und Geist positiv auswirkt.

Das Besondere an Hildegards Medizin ist die bereits stattfindende Verbindung zwischen konkreter Hilfe durch Medizin, als auch spiritueller Hilfe, dadurch, dass sie die medizinische Schriften nicht von der Spiritualität abtrennt.

 

Überblick - Elemente der Hildegard von Bingen Medizin


Mensch und Gott

Diagnose

Therapie

Stellung der Frau

Die Elemente

Temperamente

Ernährung

Gleichberechtigung gegenüber dem Mann

Mensch und Natur

Männertypen

Lebensführung

Sexualmedizin

Mikro- und Makrokosmos

Frauentypen

Psychotherapie

Frauenheilkunde

Säftelehre

Augendiagnostik

Kräutertherapie


Beziehung zu Gott

Gesichtsfarbe

Steinheilkunde


Nicht-Getrenntsein

Stimme

Aderlass


Einheit von Körper-Seele-Gott

Bewusstsein

Schröpfen



Harnschau

Moxibustion



Stuhldiagnose

Fasten



Pulsdiagnose

Rituelles Heilen



Blutschau

Ausleitung/ Reinigungsverfahren




Diagnose


Die Diagnose ist einmal das Erkennen der Erkrankung, oder des Leidens, andererseits bezieht sich die Diagnose auf prognostische Auslegungen.

Nicht explizit von Hildegard erwähnt, aber logische Grundlage für eine Diagnose ist das Aufnehmen der Symptome im Gespräch und durch Untersuchung.

Zur Einordnung der Menschen werden 4 Temperamente beschrieben, als auch die Beschreibung der 4 Männer- und 4 Frauentypen.

Beschrieben werden folgende diagnostische/ prognostische Methoden:

Augendiagnostik, Gesichtsfarbe, Stimme, Bewusstsein, Puls, Harn, Stuhl, Blut.


Überblick


Diagnoseebene

Diagnostisches Objekt

Sinnesorgan

Augen

Erscheinungsbild

Gesicht

Erscheinungsbild

Stimme

Wesensveränderung

Bewusstseinszustand

Ausscheidung

Harn

Ausscheidung

Stuhl

Körperbestandteil

Blut

Palpation

Puls


Therapie


Die wichtigsten Therapien nach Hildegard sind die Ernährung und die Anpassung des Lebenswandels. Der Lebenswandel bezieht sich besonders auf das spirituelle oder tugendhafte Handeln des Menschen, das erkennen von negativen Gewohnheiten und dessen Auflösung und den allgemeinen Umgang mit eigenen Emotionen. Hildegard sieht den Menschen als selbst für sich und die Welt verantwortlich. Sie versucht den Menschen zu vermitteln, dass sie nicht Spielball des Schicksals sind und somit niemanden hilflos ausgeliefert. Sie legt besonderen Wert auf eine innere Umkehr der Menschen zu einem maßvollen und selbstverantwortlichen Leben, in dem man die Beziehung zu sich, anderen Menschen und der Welt versteht und respektiert.

Weitere therapeutische Maßnahmen stellen die Kräutertherapie, Psychotherapie, Steinheilkunde, Aderlass, Schröpfen, Moxibustion, und Fasten dar.

Auch findet man einige rituelle Behandlungsmethoden.


Übersicht – Therapiemethoden


1) Ernährungslehre

2) Lebensführung

3) Psychotherapie

4) Kräutertherapie

5) Steinheilkunde

6) Aderlass

7) Schröpfen

8) Moxibustion

9) Fasten

10)Rituelles Heilen

11) Ausleitungs-/ Reinigungsverfahren


Frauenheilkunde und Sexualmedizin


Eine auffallende Besonderheit ist die ausgiebige Frauenheilkunde und Sexualmedizin. Hildegard hat diese Themen ausführlich behandelt, obwohl es in ihrer Zeit ein Tabu war. Außerdem erscheint es ungewöhnlich, da diese Beschreibungen von einer Nonne geliefert wurden, die scheinbar über sehr detailliertes Wissen verfügte.


Sie schreibt über:


Sexualität

Schwangerschaft

Geburt

Frauenkrankheiten


Außerdem betont Hildegard die Natürlichkeit des Sexualaktes, der von der Kirche damals gerne als sündhaft belegt dargestellt wurde.


So schreibt Eberhard Horst in der Biographie „Hildegard von Bingen“:


Keinesfalls verschweigt die Äbtissin Hildegard sexuelles Fehlverhalten oder der „Lust“ auch ein „Beigeschmack von Sünde“ anhaften kann. Aber wichtiger ist doch, zumal in ihrer Zeit, Hildegards wiederholte und ausdrückliche Hervorhebung der Sexualität zwischen Mann und Frau als „völlig natürlicher, gegenseitiger Akt“ und gottgewollter Liebesvollzug in der ehelichen Gemeinschaft.“1


Ganzheitlicher Aspekt der Heilung und Psychotherapie


Hildegard sieht eine Heilung immer unter ganzheitlichen Ansätzen. Dabei unterscheidet sie 4 Ebenen:


  1. göttlicher Teil (bezieht sich auf die Religion/ den Glauben) – Göttlichkeit (Die Einheit)

  2. kosmischer Teil - Welt (Makrokosmos)

  3. körperlicher Teil - Mensch (relativ/ körperlich)

  4. seelischer Teil - Mensch (absolut/ emotional)


1) Göttlicher Teil:


Krankheit wird dabei in Beziehung gesetzt zur Gott-Mensch-Einheit. Besteht ein gestörtes Verhältnis innerhalb der Einheit oder eine Trennung der Einheit so resultiert daraus Krankheit.

Der Sinn der Krankheit liegt darin eine Botschaft zu verstehen, die den Menschen seinem Heil zuführt. Dies steht im Gegensatz zur damalig extremen Anschauung, die Krankheit als Strafe Gottes ansah.

Gott steht im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Heilungsprozess, auch wenn der Sinn der Erkrankung manchmal verborgen bleibt.

Grundlage für die Heilung ist einerseits die Zuwendung zu Gott, aber andererseits auch das aktive Ändern des Lebenswandels.



2) Kosmischer Teil:


Hier geht es um die Betrachtung von Mikrokosmos und Makrokosmos, dessen Grundlage die vier Elemente bilden. Die Elemente finden sich entsprechend in der äußeren, wie auch in der inneren Welt wieder. Es besteht Verbindung zwischen den Elementen und den Sinnen/ Organfunktionen.


3) Heilung in Bezug zum Körper:


Hauptsächlich bezieht sich die Heilung hier auf die vier Säfte, die meist durch die Ernährung/ Lebensweise aus dem Gleichgewicht geraten sind. Aus den ins Ungleichgewicht geratenen Säften resultieren dann körperliche, geistige/ Gemütskrankheiten (emotionale Erk.). Zu den Gemütskrankheiten gibt es 24 Grundanlagen, den einen bestimmten Gemütszustand erklären, wie beispielsweise „Jähzorn“ mit der entsprechenden positiven Umkehrung des Zustandes, hier- „Gottes Gnade“.


4) Seelischer Bereich der Heilung:


Die seelischen Ursachen, die der Heilung bedürfen beziehen sich auf teils emotionale, teils soziale Aspekte des Menschen. Es handelt sich dabei beispielsweise um Konflikte, Stress, Frust, Mangel an positiven seelischen Abwehrkräften (Stressbewältigungs-Strategien).

Hier führt Hildegard 35 Tugend-Laster Paare an, die zu einer entsprechenden Psychotherapie führen, bei der die eigenen Schwächen und Stärken erkannt und das seelische Abwehrsystem gestärkt werden soll.

Eine Besonderheit der Behandlung seelischer Störungen ist, dass 29 der 35 Laster-Tugend-Paare mit Fasten behandelt werden.

Die Psychotherapie spielt in der Hildegard-Medizin eine besonders wichtige Rolle.


Dies macht insbesondere auch in unserer heutigen Gesellschaft Sinn, da alle psychischen Leiden eine stark zunehmende Tendenz zeigen.

1 „Hildegard von Bingen“, Eberhard Horst, S.103